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Ausnahmezustand - Reiseverbot - Ausgangssperre

20. März 2020, 1800 Uhr

Ausnahmezustand, Reiseverbot und Ausgangssperre in ganz Marokko. Ausnahmezustand, ein Wort, das ich sonst immer nur in den Nachrichten gehört habe ... meistens von Orten und Ländern die weit weg sind, so weit, daß die Betroffenheit über die Katastrophe, die meist Ursache für so einen Ausnahmezustand war, auch immer mit einer gewissen Distanz belegt war ... und jetzt? Jetzt bin ich Betroffener! Weit weg von zu Hause, in einem fremden und fernen Land - mittendrin, Teil dieses Ausnahmezustandes und mit viel Zeit, über dieses Wort nachzudenken und über das, was gerade mit mir passiert...

Das ist jetzt meine kleine Welt, ein winziger, malerischer Campingplatz, geschützt im Tal liegend, von hohen, schönen Palmen umgeben - und einer Mauer. Der einzige Ausgang, ein großes Eisentor - verschlossen. Von einer Ecke des Platzes bis zur Ausfahrt und dem Ende am Tor sind es 80 Meter. Von einer Seite der kleinen Mauer am Fluß, die aber auf dessen Seite mehrere Meter tief abfällt, bis zur anderen Seite des Platzes, einer hohen Mauer, sind es 30 bis 35 Meter.

21. März, 10 kleine Negerlein ...

Nach einem weiteren Exodus, gestern und heute Nacht, sind`s außer mir noch 3 "Bewohner": Ein deutsches Paar aus München und ein Baske, der gestern Abend, anscheinend mit Polizeibegleitung hier "ausgeschüttet" wurde, in einer, hm, sagen wir `mal, sehr "alternativ" eingerichteten Rostlaube. Eine Stunde nach dieser Aufnahme war er dann genauso schnell wieder weg wie er gestern reingeschneit ist.

... da waren`s dann nur noch 2 Mitbewohner ...

Campingplatz Atlas
drei Menschen, (hier noch) drei Fahrzeuge, vielleicht 2.000 m² Campingplatz, ein verschlossenes Tor


Sonntag, 22. März

..heute kommt die "Feuerprobe": Klaus & Moni mit ihrem VW Camper und ich mit dem Motorrad, haben den Platz in Richtung Tinghir verlassen. Fünf Kilometer vor der Stadt die erste Straßensperre. Als die Polizisten uns als Europäer erkannt hatten wurden wir sofort, wie schon in den ganzen Wochen zuvor auch, sofort durchgewunken. Die 2. Sperre dann unmittelbar vor der Stadt. Dort wurden wir angehalten und gefragt wer, warum usw. Unsere Antworten waren klar: Einkaufen in der Stadt und sofort eindeutige Anzeichen, daß das in Ordnung geht. Dann aber noch 5 Minuten Unterhaltung auf gebrochenem Englisch. Der Beamte wollte wissen, wie es uns geht, wie es in Deutschland läuft, alles -ebenfalls wie schon gewohnt- unglaublich freundlich & höflich. Zum Schluß hat er noch alles Gute gewünscht und den Rest, haben wir uns gegenseitig bestätigt, würde in den Händen von Allah liegen...

Die Stadt dann war ... bedrückend! Alles, restlos ALLES ist abgesperrt und verrammelt, fast keine Autos, sehr wenige Menschen - bis auf eine Ausnahme: Alles, was mit Lebensmitteln zu tun hat, ist geöffnet und alles ist vorhanden und verfügbar, auch der Souk ist geöffnet - mit Obst & Gemüse ... aber erschreckend leer! Dort, wo sonst ein buntes Gewirr aus Autos, Fahrrädern, Mopeds, Eselkarren und hunderten von Menschen ist - jetzt wirkt alles ausgestorben. Ja, es sind Menschen hier, aber es ist so leise, so leer, eben bedrückend! Trotz unserer "Freiheit" will bei mir kein bischen "Bummel-Feeling" entstehen, nur der Wunsch, möglichst schnell wieder zurück in dieses kleine, überschaubare aber sichere Gefängnis mit seinen Wänden und dem wunderschönen Panorama aus Palmen und Bergen dahinter zu kommen ...

Die 10 oder 15 km Rückfahrt zum CP gehen noch schneller. Alle Posten erkennen uns sofort und winken uns schon aus der Entfernung durch ... und dann sind wir auch wieder in unserem paradiesisch anmutendem "Schrebergarten", einem traumhaftem Gefängnis mit eingeschränktem Freigängerstatus ...

Straßen in Tinghir
da, wo sonst ein lärmendes Getümmel an Fahrzeugen und Menschen ist, herrscht jetzt eine Leere und Stille wie in einer Geisterstadt

geschlossene Geschäfte in Tinghir
geschlossene Geschäfte in Tinghir - überall vergitterte Fenster, abgeschlossene Türen

Straßen in Tinghir
in diesen Marktstraßen herrscht sonst ein Gedränge wie am Eröffnungstag einer großes Kirmes in Deutschland

Straßen in Tinghir
der Marktplatz in Tinghir - leergefegt

Straßen in Tinghir
hunderte von Händlern feilschen hier sonst um ihre Waren

geschlossene Geschäfte in Tinghir
hinter jeder verschlossenen Tür ein Warenlager, von Fahrrad- und Motorradreifen, Decken, Teppichen, Schuhen, Kabeln, elektrische Geräten - jetzt ist alles verschlossen

geschlossene Geschäfte in Tinghir
einzige und umfassende Ausnahme: alles, was mit Haushalt und Lebensmitteln zu tun hat, ist geöffnet

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Wie geht es weiter?

Ich weiß es nicht! Niemand weiß es! Es wird weitergehen - auch hier in Global-Wanderer, dazu ist mein Mitteilungsbedürfnis viel zu groß ... und noch gibt es etwas zu erzählen, z.B. über die schlechte, unbefriedigende, wenig hilfreiche Weitergabe von Informationen durch die Deutsche Botschaft in Marokko ... über die mangelhafte bis fehlende Unterstützung durch die Deutsche Botschaft in Marokko ... vielleicht über private Initiativen ebenfalls eingeschlossener Menschen ... und nicht zuletzt über mein und unser Leben, hier in, hm, Paradise Prison?

Jetzt ist erst einmal unumstößlicher Fakt: Bis mindestens zum 20. April gilt der umfassende Ausnahmezustand!

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.. die nächsten Tage ... Wochen ...

Die wichtigste Erkenntnis und Botschaft: Es geht weiter! Klar sind in den ersten Tagen nach Ausrufung des Ausnahmezustandes die immer kreisenden Gedanken, selbst nachts, kaum zu beruhigen. Dann sind da die immer dramatischer werdenden Nachrichten aus Deutschland und ganz Europa. Immer mehr Grenzen werden geschlossen, Reisewege, Campingplätze, Hotels, Unterkünfte -von Nordafrika bis Nordeuropa- stehen nicht mehr zur Verfügung. Dann die Nachrichten von Menschen, die man kennt, wie z.B. Emil & Gina, die noch am 2. Tag nach Ausrufung des Reiseverbotes mit ihrem Camper in Richtung der spanischen Enklave Ceuta in Nordmarokko aufgebrochen sind. Gerüchten zufolge sollte von dort noch eine Fährverbindung zum europäischen Festland zur Verfügung stehen ... Dann die endlosen Schlangen von Wohnmobilen vor und in Ceuta, die chaotischen Zustände ... Dann die neuen Entscheidungen von Spanien, keine Fährverbindung zum spanischen Festland aus den Enklaven mehr zu erlauben, die Unterstützung Marokkos, einzelne Fähren von Tanger Med zuzulassen, der "Umzug" der WoMo-Karavanen nach Tanger Med, die Einquartierung auf einem Parkplatz außerhalb des Hafengebietes, ständig neue Gerüchte, der "Kampf" um Tickets, dann endlich eine Fähre mit exorbitanten Preisen nach Frankreich, die aber von der Kapaziät völlig unzureichend war ... Tage später dann noch eine Fähre, wieder mit Fantasiepreisen von 1.200 - 2.000 € für die Überfahrt ... und irgendwann, nach einer nerven- und kräftezehrenden Odysse endlich die Ankunft zu Hause ... in einem Zuhause mit hohen Zahlen an Infizierten, mit großen Unsicherheiten, mit Regen, Kälte und - Isolation!

Isolation, die ich hier auch habe - aber mit dem Unterschied, nicht die Decke meiner Wohnung über dem Kopf zu haben sondern tiefblauen Himmel mit einer strahlenden und warmen Sonne, mit grünen Palmen, exotisch zwitschernden und trällernden Vögeln
Isolation in einer Welt, in der ich nicht morgens das Radio einschalte und den gesamten Tag -mit Fortsetzung im abendlichen Fernsehen- von den immer dramatischer werdenden Meldungen über Corona überflutet werde.
Isolation in einer Welt, in der ich auch nur alle paar Tage -wie zu Hause- zum Einkaufen fahre. Hier, wahrscheinlich ebenfalls wie zu Hause, mit deutlich sicht- und spürbaren Auswirkungen der weltweiten Krise, dafür aber mit Menschen einer völlig anderen Kultur, mit einer völlig anderen Mentalität, einer Mentalität, in der Gastfreundschaft eine sehr hohe Bedeutung hat, mit Menschen, die mich -und alle anderen Gäste dieses Landes- mit einer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft behandeln, die für mich einfach außergewöhnlich und überwältigend ist ... auch jetzt in der Krise ...

Katze, mein neuer Freund
in der Isolation habe ich einen neuen Freund gewonnen: Katze! Eigentlich Kater, aber ich nenne ihn weiter Katze. Er gehört wohl zu niemandem und Mulai, einer der Mitarbeiter vom Campingplatz meinte nur, daß er zum village, also dem Ort gehöre und keinen Namen hätte

Katze, mein neuer Freund
Ich nenne ihn also Katze und er scheint mit dieser Wahl ausgesprochen zufrieden zu sein ...
besonders, wenn er morgens nach meinem Müsli die Schüssel mit ein wenig Milch auslecken darf

unser CP Atlas
unser kleines Paradise Prison mit 3 Insassen

Terrasse auf AtlasParadise Prison

Vogelperspektive CP Atlas
CP Atlas in der sich fast endlos bis nach Tinghir hinziehenden Palmeri entlang der Todra

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